Wurzeln der Gestalttherapie

Existentialismus
Phänomenologie

Der Existenzialismus (Buber, Bergson, Heidegger) und die Phänomenologie (Husserl) hatten einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Humanistischen Psychotherapien – zu der man heute die Gestalttherapie zählt. Diese beiden philosophischen Richtungen betrachten den Menschen unter einem ganzheitlichen Blickwinkel und beziehen sein soziales und ökologisches Umfeld wie auch seine Gegenwartsbezogenheit mit ein.

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Psychoanalyse

Eine weitere Wurzel der Gestalttherapie ist die Psychoanalyse, mit deren Modellen sich Perls kritisch auseinandersetzte und bestehende Konzepte in einigen Bereichen modifizierte oder weiterentwickelte. So erlebte er das klassisch psychoanalytische Behandlungssetting von Couch und unsichtbarem Therapeuten als Situation, in der ein direkter Kontakt zwischen Therapeut und Patient vermieden und damit neurotisches Beziehungsverhalten geradezu gefördert wurde.

Dem gegenüber betrachtete Perls eine echte Begegnung zwischen Klient und Therapeut als heilendes Moment in der Psychotherapie. Einen anderen Stellenwert als in der Psychoanalyse haben in der Gestalttherapie auch die Kindheitserfahrungen.

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Hier und Jetzt

Die Gestalttherapie arbeitet gegenwartsbezogen im Hier und Jetzt. Der lebensgeschichtliche Hintergrund ist nur soweit von Bedeutung, wie er als unerledigtes Geschäft ins Hier und Jetzt hineinreicht und sich im gegenwärtigen Fühlen, Denken und Handeln aktualisiert.

Eine weitere Unterscheidung in den beiden psychotherapeutischen Methoden lässt sich anhand des Konstruktes des Unbewussten aufzeigen. Anstelle einer Aufteilung der menschlichen Psyche in einen bewussten und einen unbewussten Bereich, wie in der Psychoanalyse, postuliert die Gestalttherapie das Konzept des Figur-Grund-Prozesses als Dynamik des Bewusstseins. Das bedeutet, dass nur das jeweils Wichtige ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerät und alles andere als Hintergrund wahrgenommen wird. Dieses Geschehen ist im Idealfall dynamisch und flexibel und darauf ausgerichtet, die individuellen Bedürfnisse befriedigend zu erfüllen.

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Theater-, Tanz- und Bewegungsarbeit

Fritz Perls Interesse für die Theaterarbeit hatte ebenfalls Einfluss auf die Gestalttherapie. Am expressionistischen Theater bei Max Reinhardt übernahm er kleinere Rollen, was ihn auch für den nonverbalen Ausdruck in Tonfall, Mimik, Gestik und Körperhaltung sensibilisierte. Lore Perls hatte Zugang zu verschiedenen Formen der Tanz- und Bewegungsarbeit, (z.B. Elsa Gindler).

Schulthess, P. aus: M. Schlegel, I. Meier, P. Schulthess (Hrsg.): Psychotherapien.
Schriftenreihe der Schweizer Charta für Psychotherapie. 2011.